Woche 29: GDPR, DSGVO, FUD

Die große Schwester ist zu Besuch, und am Wochenende wollten wir aus den Johannisbeeren in meinem Garten Kuchen backen. Wir haben da letztes Jahr ein tolles Rezept gefunden, und hatten auch noch das Lesezeichen im Browser. Allerdings führt der Link zu foodnetwork.com, und dort gilt inzwischen:

This site is not available in your country.

Wer in Europa wohnt, sieht das in letzter Zeit immer häufiger. Aus Furcht vor der neuen EU-Datenschutzverordnung (GDPR, in Deutschland bekannt als Datenschutzgrundverordnung oder DSGVO) und den hohen Strafen gepaart mit fehlender Aufklärung haben mehr und mehr amerikanische Webseiten beschlossen, dass Leser aus Europa für sie unwichtig sind, und auf jeden Fall nicht das Risiko einer Klage wert. Zumal man als amerikanische Firma vor europäischen Gerichten ja offenbar generell einen schweren Stand hat. Über das Google-Urteil neulich wird in den Kreisen auch mit Unverständnis reagiert.

Das Kernproblem ist, dass Amerika weder Regelungen gegen Kartellbildung und Monopolisten hat, noch Verbraucherschutz kennt. In Europa haben wir solche Regeln, und als Verbraucher finde ich es eigentlich gut, dass die strikt sind. Wenn man allerdings ein Geschäftsmodell hat, dass auf der Weitergabe von persönlichen Daten und Werbung besteht, dann ist Europa als Markt durch diese Regelungen jetzt noch uninteressanter als zuvor.

Man könnte also sagen, dass das Gesetz funktioniert. Es funktioniert nur nicht so, wie es sich seine Schöpfer vorgestellt haben.

Die Macher des Gesetzes haben sich gewünscht, dass alle Anbieter von ihren Nutzern eine Genehmigung einholen, Daten zu speichern und weiter zu geben. Das führt dort, wo es funktioniert, zu noch komplizierteren Cookie-Warnungen, die von den Betreibern und ihren UI-Experten daraufhin optimiert wurden, dass Besucher genervt auf „ich erlaube Euch alles“ klicken, nur um den Artikel lesen, der hinter der Warnung versteckt ist. Aber selbst da kann man als Betreiber noch genug Dinge falsch machen, und für eine amerikanische Firma wie z.B. Food Network, die ein Teil von Discovery sind, ist die Kalkulation einfach: Eine korrekte Umsetzung der europäischen Verordnung kostet viele Arbeitsstunden, und die verlorenen Einnahmen durch Werbung sind minimal, da die meiste Werbung sich eh an amerikanische Kunden wendet. Dem gegenüber steht das Risiko, im Falle eines Fehlers mit einer Millionenstrafe überzogen werden. Im Vergleich dazu ist es super einfach, die Seite für alle Besucher mit einer IP-Adresse außerhalb Nordamerikas zu sperren.

Und so wird aus dem weltumspannenden Internet, dass die Menschen zusammen bringt, immer mehr eine Sammlung von Inseln, die nicht mehr miteinander sprechen. Es ist echt zum heulen manchmal. Ich sehe persönlich hier die Schuld weder bei der EU noch bei den Firmen, die hier die Notbremse ziehen, sondern bei der Kommerzialisierung des Internets, und den Geschäftsmodellen, die auf immer aggressivere und gezieltere Reklame setzen, die ohne Eingriffe in die Privatsphäre nicht auskommt.

Wir haben den Kuchen am Ende doch machen können, dank cachedpages.com und dem Google Cache. In Zukunft machen wir halt lokale PDFs von allen Rezepten, oder drucken sie aus, wie in der Steinzeit.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s